| YES sehen - und sterben YES live in Mainz 2003
Full Circle Tour, Samstag, 21.Juni
Rheingoldhalle
Seit ewigen Zeiten YES-Fan, trotzdem bis zu diesem Samstag noch kein
einziges YES-Konzert besucht - Asche auf mein Haupt! Einmal im Leben seine Lieblingsband
live erleben, jetzt in Mainz, am heutigen denkwürdigen Tag, sollte es endlich soweit
sein! Schade, dass es GENESIS nicht wieder schafft, sich in der Original-Besetzung mit
Peter Gabriel, Steve Hackett, Tony Banks, Mike Rutherford und Phil Collins
zusammenzufinden, hat Genesis für mich doch die gleiche Bedeutung. Die heutigen Vorgaben
gestalteten sich jedenfalls optimal, denn das Konzert sollte in der Nähe stattfinden und
die "klassische" Besetzung aus den 70er-Jahren spielen (Chris Squire, Jon
Anderson, Steve Howe, Rick Wakeman, Alan White). Angesichts unsäglicher Band-Turbulenzen
vergangener Dekaden kann außerdem niemand voraussagen, ob YES jemals wieder mit Rick
Wakeman auf Tour gehen werden. Das fortgeschrittene Alter der Bandmitglieder - und das
ihrer Fans - erlaubt sogar die Frage, wie lange Squire, Anderson und Co. uns überhaupt
noch erhalten bleiben. Es verwunderte also nicht, als Jon Anderson in seiner Ansage
besonders betonte, dass sie nach all den Jahren wieder bzw. immer noch on Tour sind. Jon
wird nächstes Jahr sage und schreibe 60 - nicht nur deshalb erschien mir diese
YES-Tour wie eine vom Himmel gesandte, letzte Gelegenheit.

Ich darf vorausschicken, dass mich das Konzert mächtig
begeisterte! Vergleicht man dieses Konzert mit früheren Live-Alben, so hört man schnell
heraus, dass YES so spielten wie auf der legendären Yessongs (1973).
Hierfür ein riesengroßes Kompliment! YES haben es mit dieser Tournee nach 30 Jahren
tatsächlich noch einmal geschafft, mit ausschweifender Hingabe an die Yessongs-Tour von
1973 anzuknüpfen. Dafür kann man als treuer YES-Fan nicht dankbar genug sein!
Erlebt man Rick
Wakeman das erste Mal live, fällt seine versteinerte todernste Miene und seine
aristokratisch wirkende Distanziertheit zum Publikum auf. Das hat hoffentlich nichts mit
seinen "immer wieder gern gehörten" Excerpts from The Six Wives Of Henry
VIII zu tun, bei denen er auffallend schnell (noch schneller als sonst) über
die Tasten flitzte, so als wäre er selbst davon gelangweilt. Nötig hat er so etwas
nicht, wartet seine Fangemeinde doch schon seit Ewigkeiten auf Excerpts from No
Earthly Connection, Criminal Record oder The Myths and
Legends of King Arthur and the Knights of the Round Table. Irgendwann jedoch
ließ auch er sich von der guten Stimmung seiner Bandkollegen mitreißen - vor allem aber
von der des begeisterten Publikums! Während eines witzigen "improvisierten"
Schlagabtauschs zwischen Minimoog-Synthesizer (Rick Wakeman) und Lead-Gitarre (Steve Howe)
konnte Rick sich sogar ein Lächeln abringen - YES! Da ich ziemlich weit vorne stand,
bekam ich zu vorgerückter Stunde sogar mit, wie ein inzwischen völlig entspannter Rick
Wakeman einem von den etwas knackigeren Mädels in den vorderen Reihen (welches mir
übrigens auch sofort ins Auge sprang) zuzwinkerte. Sei es bzw. sie ihm gegönnt!
Natürlich ist das Käse, denn mit seinem Zuzwinkern zollte Rick lediglich seinen
treuesten Anhängern die verdiente Anerkennung. Die (leider bittere) Wahrheit über Rick's
"Zwinkern" offenbart übrigens die Yesspeak-DVD... Tatsache ist
jedenfalls: das weibliche Publikum lag klar in der Unterzahl, das Durchschnittsalter der
Konzertbesucher deutlich über 35! Was die "Unlust" von Rick Wakeman betrifft,
gab bereits ein Fachblatt-Interview von 1976 Aufschluss: Rick Wakeman: "Wenn man
unseren Auftritt einmal danach absucht, wer den wirklichen Einfluss aufs Publikum macht,
wer auch am ehesten die Signale aus den Zuschauerreihen empfängt, dann bin ich bestimmt
nicht auf den vordersten Plätzen zu finden. Unser Sänger und unsere Gitarristen sind
doch wohl, objektiv betrachtet, die eigentlichen Akteure. Vielleicht, wenn ich nach der
Art Keith Emersons spielen würde, vielleicht wäre es dann anders, aber so wie ich
spiele, bin ich nicht prädestiniert dafür, die Zuschauer zu begeistern."
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Zu meiner freudigen Überraschung (ich kannte die Setliste
nicht) spielten Yes fast ausschließlich Songs aus ihren 70er-Jahre-Alben: The Yes
Album, Fragile, Close to the Edge, Relayer, Going for the One
und Tormato (siehe Cover-Abbildungen links und Titel-Liste unten). Zwei
Songs stammten von der aktuellen Magnification. Ihren untypischen
Mainstream- "Hardrock-Pop" der 80er hatten sie netterweise komplett im Gepäck
gelassen. Was mich außerdem glücklich machte, war die Präsentation der Fragile-Tracks
We Have Heaven und South Side Of The Sky (beide sind auf
dem Album durch ein "Hörspiel" verbunden), die ich hier das erste Mal in ihrer
Live-Fassung hörte - also eine echte Premiere! Alleine schon deswegen lohnte sich das
Konzert für mich! Scheinbar kannte ein Teil der Zuhörerschaft die beiden Songs nicht so
genau, denn als an der (leisen) Nahtstelle, dort wo das Hörspiel beginnt, bereits Applaus
einsetzte, machte Jon Anderson auf seine liebevolle Art, schweigend, zuerst mit
"betenden" Händen, dann leicht gestikulierend (Jon scheint ein großer
Menschenfreund zu sein, so etwas wie eine Lichtgestalt), das Publikum darauf aufmerksam,
dass Applaus an dieser Stelle etwas unpassend sei; schließlich war der Song noch nicht zu
Ende, vielmehr begann in diesem Moment besagtes Hörspiel, welches man nur bei Stille
vollständig wahrnimmt. Jon überbrückte die Situation gekonnt mit einer seiner Anekdoten
(für böse Zungen der eigentliche Grund). Das Ending von South Side Of The Sky
wurde in der Live-Version dann noch um oben genannten "Schlagabtausch" zwischen
Rick Wakeman und Steve Howe erweitert.
Chris Squires sehr ausgiebiges Solo (The Fish und Tempus Fuguit)
mündete in den Tormato-Song On the silent wings of freedom,
hier als Solo-Special nur von ihm (Bass) und Alan White (Drums) vorgetragen;
gleichzeitig war dies auch Alans Drum-Solo.
Zum Schluss gab es als zweite Zugabe Roundabout, der Song, der mich 1975 als
15-jähriger zu Yes geführt hat (ich habe alle Radio-Aufnahmen von damals aufbewahrt).
Besser hätte es für mich an diesem Abend nicht laufen können! So durfte ich also satte
zweieinhalb Stunden YES-Musik vom Feinsten genießen! Ein wirklicher Höhepunkt in meinem
"musikalischen Überleben" und ein Trip zurück in die Zukunft, in die 70er
Jahre, so wie ich es vor dem Konzertbesuch erhofft hatte.
Text und Aufbereitung der Fotos: Theo Möbus, Fotos: Andreas Gelz
YES live in Bonn 2003
Full Circle Tour, Dienstag, 8.Juli
Museumsplatz

Mein Wohnort liegt genau zwischen Bonn und
Mainz, daher fiel die Entscheidung als alter YES-Fan, der live noch alles nachzuholen
hatte, leicht: beide Konzerte mussten besucht werden! War ich in Mainz noch analysierend
unterwegs, vor allem konzentriert auf das Spiel meines Jugend-Idols Rick Wakeman, dem
Zugpferd dieser YES-Tour, konnte ich mich hier in Bonn emotional fallen lassen, um einfach
nur meine YES-Musik live zu genießen! Gespannt war ich auf die von der Bundeskunsthalle
plakatierten Songs Gates Of Delirium und Ritual. Ich darf
gleich vorwegnehmen, dass hier in Bonn das gleiche Programm wie in Mainz präsentiert
wurde und lediglich die Zugaben variierten (siehe Songliste unten). Später erfuhr ich,
dass sich der Veranstalter einfach nur schlecht informiert hatte, denn die sogenannte Setlist
stand schon vor dem Tourneestart fest, sie war sogar auf der Yes-Homepage
veröffentlicht.
Das Mainz-Konzert hat mich schon stark begeistert - und es
wirkt immer noch positiv nach. Eine Steigerung hielt ich deshalb kaum für möglich. Für
den überragenden Erfolg des aktuellen Auftritts sollte vor allem die Location 'Bonner
Museumsplatz' verantwortlich sein. Mit dem hellen, luftig frischen, dank Zeltüberdachung
vor Wetterkapriolen geschützten "Open-Air"-Museumsplatz der Bundeskunsthalle,
mit seinen unmittelbar angelegenen, bedürfnisgerechten und gepflegten WC-Containern und
Verpflegungs-Ständen (mit wenigen Schritten vom Konzert, zum Bierstand, zum Pissoir ...),
gelang den Baumeistern ein in jeder Hinsicht optimaler Veranstaltungsort. Besonders
hervorzuheben ist die Großleinwand, die am heutigen denkwürdigen Tag das
Bühnengeschehen selbst Zuschauern in den hintersten Reihen emotional nahe brachte, dank
hervorragender Kameraführung und professioneller Bildregie.
Es verhielt sich jedoch nicht nur so, dass das Bonner
Konzert mich noch deutlicher von den Live-Qualitäten meiner Lieblingsband zu überzeugen
vermochte, denn hier lag noch mehr in der Luft! Um es kurz zu machen: die gesamte
Veranstaltung war einfach nur traumhaft! Vom Publikum schwirrten die "High
Vibrations" von Zuneigung und Verehrung nur so zu YES hinauf auf die Bühne. YES
ließen sich voll darauf ein, steigerten sich zu absoluter Höchstform, das Konzert wurde
zum Fest!
Rick Wakeman war im Vergleich zu Mainz deutlich entspannter, mit strahlendem
Gesicht und oft lächelnd. Anfangs noch mit sichtbarem Ernst bei der Sache, taute er
spätestens in der zweiten Halbzeit vollständig auf. Die stimmige Open-Air-Atmosphäre
des Museumsplatzes "mit mehr Platz für seine Keyboard-Burg" trug wohl ihren
Teil dazu bei. Chris Squire konnte sich jedenfalls kaum halten vor Euphorie, fiel
irgendwann sogar vor Alan White auf die Knie, badete in den Begeisterungswogen seiner Fans
wie in einem Jungbrunnen, machte seine Mätzchen - auch mit dem jetzt grinsenden Wakeman. Alan
White bekam Sympathiebekundungen aus dem Publikum zugeworfen: "Alan, we love
you!". Vor allem Jon Anderson war von der Magie dieses Abends
überwältigt, reflektierte das Geschehen mit leuchtenden Augen und seiner engelsgleichen
Stimme noch intensiver als sonst, zusammen mit seinen Fans deutlich wahrnehmbar auf einer
anderen Zeitebene schwebend (Jon glaubt ja an Zeitreisen - und die vielen hölländischen
Fans in den vorderen Reihen an ihr magisches Kraut ... ;).
Der Abend entwickelte sich insgesamt zu einem unglaublich berauschenden Fest, zu einem
Fest der Liebe zur Musik, der Musik von YES! Wir wollten sie zum Schluss gar nicht mehr
gehen lassen, auch nicht nach zwei Zugaben!
Das gesamte Bonner Konzert ist übrigens von der
Bundeskunsthalle aufgezeichnet worden, so wie man es auf der Großleinwand vor Ort
mitverfolgen konnte. Leider ist die Bundeskunsthalle nicht zur Herausgabe auf
Videokassette zu bewegen, angeblich wegen Auflagen des YES-Managements.
Fazit: YES haben mit dieser außergewöhnlichen Tournee
zweifellos ihre ältesten, treuesten Fans belohnt, einige davon sogar reanimiert. Wer
diese fast schon überirdischen Momente miterleben konnte, darf sich wirklich glücklich
schätzen! Ich empfand diese Tournee jedenfalls als Geschenk, möglicherweise auch
deshalb, weil Steve Howe scheinbar etwas altersmüde und abgemagert wirkte.
Vielleicht sollte sich Vegetarier Steve auch einfach nur mal ein paar stark eiweißhaltige
Fitness-Drinks gönnen, die es auch rein pflanzlich gibt. Entgegen solcher Bedenken wird
die nächste Tournee bereits auf der YES-Homepage angekündigt. Sie soll bereits im
kommenden Jahr starten.
Theo Möbus, Sommer 2003 |
Yesworld | Jon
Anderson | Chris Squire | Steve Howe | Rick Wakeman | Alan White
Bill Bruford | Tony Kaye | Patrick Moraz | Yesfans | Yesfocus
für Yeskonzert-Fans:
http://www.forgottenyesterdays.com/ |
Titel-Liste Bonn und Mainz, sortiert nach
Alben
Zeitangaben ohne Gewähr |
| Opening "Excerpt from Firebird
Suite" |
THE YES ALBUM (1971)
Yours is no disgrace
The Clap
I've seen all good people |
.
09:36 (1. Zugabe in Mainz)
03:07
06:56 (1. Zugabe in Bonn) |
FRAGILE (1972)
Roundabout
We have heaven
South side of the sky
Long distance runaround/
The Fish (Squire-Solo)
Heart of the sunrise |
.
08:29 (2. u. letzte Zugabe)
01:30
07:53
13:45
.
11:24 |
CLOSE TO THE EDGE (1972)
And you and I
Siberian Khatru |
.
10:09
08:57 (1. Song des Konzerts) |
RELAYER (1974)
To be over
(Howe-Solo) |
.
(nur Akustik-Gitarre)
. |
GOING FOR THE ONE (1977)
Awaken |
.
15:38 |
TORMATO (1978)
Don't kill the whale
On the silent wings of freedom
(Squire-/White-Solo) |
.
03:55
04:00 (nur Bass und Drums)
. |
DRAMA (1980)
Tempus Fugit (Squire-Solo) |
.
(Excerpts) |
MAGNIFICATION (2001)
Magnification
In the presence of |
.
07:15
10:24 |
Howe-Solo (The Clap,
To be over)
Anderson-Solo (Show me)
Wakeman-Solo (Excerpts from "The Six Wives of Henry VIII")
Squire/White-Solo (The Fish, Tempus Fugit, On the silent wings of freedom) |
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