Interview in der Musiker-Fachzeitschrift KEYBOARDS 4/1990
KEYBOARDS 4/1990

Theo Möbus 1978

Bytes aus Bad Salzig: Theo Möbus

Peter Gorges, hier als Interviewer, war lange Zeit selbst Sounddesigner und Studiomusiker. Als Fachautor schrieb er für die Musiker-Magazine SOUNDCHECK und KEYBOARDS (KB) sowie für seinen eigenen Verlag WIZOO-Books. Heute arbeitet er u.a. mit dem Hollywood-Komponisten Hans Zimmer zusammen. -> Weitere Infos zum Firmengründer Peter Gorges, 2012.

(Nachträgliche Anmerkungen und Ergänzungen zu folgendem Interview in grauer Schrift.)

Nicht nur Sounds, sondern auch MIDI-Software programmiert Theo Möbus aus dem weltbekannten Boppard/Bad Salzig am Rhein ("weltbekannt" war von Peter Gorges natürlich ironisch gemeint). Was einen Gitarristen dazu bringt, vom klingenden Darm zu lassen (was nie der Fall war) und fortan kalte Bytes zu produzieren, hat er uns für diese Ausgabe des Soundforums verraten. Anschließend gibt er je einen Sound für Roland D-10/20 und Kawai K1 preis.

KB: Wie bist du zur Soundprogrammierung und Software-Entwicklung gekommen?

TM: Nun, eigentlich bin ich ja Gitarrist (überwiegend Fingerstyle/Fingerpicking). Zu elektronischer Musik (gemeint ist die in den 70er-Jahren populär gewordene Synthesizermusik) bin ich damals durch Platten von Tangerine Dream (LP "Ricochet") und Klaus Schulze (LP "Mirage") gekommen und war sofort von den unkonventionellen Klängen fasziniert (mit Karlheinz Stockhausen & Co. beschäftigte ich mich erst wesentlich später, so um die Jahrtausendwende ;). Man konnte mit Synthesizern seine Gefühle nicht nur in Melodien, sondern auch in Klangfarben ausdrücken. Aber erst mit 18, das war 1978, hatte ich mir dann das Geld für einen Synthi, einen monophonen Yamaha CS-10, zusammengespart, und das Soundgestalten mit dem kleinen Teil machte mir unglaublich viel Spaß. Mit der Zeit legte ich mir dann weitere analoge Synthesizer zu, bis mein Zimmer vollgepackt war und ich gerade noch Platz zum Schlafen hatte.

Analog-SynthesizerSequential Circuits Pro-One, Moog Prodigy

Als der DX7 rauskam, machte er uns Keyboarder alle verrückt, die FM-Tonerzeugung machte uns mit ihren klaren und oft sehr natürlich klingenden Sounds die Ohren lang, und ich hielt ihn anfangs für das ultimative Gerät. So verkaufte ich mein Equipment und legte mir zunächst einen DX9 zu, weil der DX7 zu dieser Zeit sehr schwer zu bekommen war.
Das Programmieren von digitalen FM-Sounds war etwas völlig Neues und sehr Faszinierendes. Man konnte seine Sounds auf preiswerten Datenträgern, den Cassetten, vervielfältigen und dadurch auch anderen Musikern zugänglich machen. Jedenfalls war ich 1984 einer der ersten, die Sounds anboten. Der Verkauf war anfangs natürlich sehr bescheiden, weil es etwas völlig Neues war. Die meisten Musiker waren aber von Anfang an sehr dankbar dafür, dass sich einige Spezialisten in diesen Parameter-Dschungel begaben.

1984 Commodore C-6464'er Sonderheft Assembler, 1985

Im selben Jahr war ich auch schon voll (jedoch total nüchtern ;-) mit dem C-64 beschäftigt. Ich benutzte ihn zunächst nur als Sequenzer, später brachte ich mir BASIC bei und programmierte einen DX9-Editor. Weil mir das C-64-Basic für professionelle Anwendungen zu lahm war, lernte ich mit Hilfe von Büchern ASSEMBLER (Maschinensprache). Kurze Zeit später konnte ich 640 von mir programmierte Sounds für den DX7 zusammen mit einem selbsterstellten Dump-Programm auf Disk anbieten. Das Anfang 1986 folgende "SUPERTOOL" war gleichzeitig Bankloader, Filetransformer und RAM-Speicherweiterung und besaß eine Bedieneroberfläche mit Auswahlmenues, Dialog- und File-Select-Boxen, obwohl der Atari ST noch gar nicht auf dem Markt war. [...] Seitdem programmiere ich für ein Gerät neben eigenen Sounds auch MIDI-Software (genauer: Editor-Software für Synthesizer), zunächst stets für den C-64, in letzter Zeit natürlich verstärkt für den Atari ST.

DX/TX Supertool für C-64X-Droid 01 für C-64SysEx Datamanager für C-64
MOEBUS Yamaha FB-01 Editor X-Droid 01 für C-64 - Test in KEYBOARDS 7/1987
KB: Wo liegen die größten Probleme Deines Jobs?

TM: [...] Das größte Problem ist die Raubkopiererei. Ich habe leider nicht die Mittel, um zu überprüfen, was eigentlich mit meinen Sounds und meiner Software passiert. MIDI-Programme kann man ja einigermaßen vor dem Kopieren schützen, bei Sounds ist das überhaupt nicht möglich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die regsten Sound-Raubkopierer Händler sind. Viele geben im Rahmen eines sogenannten "Sound-Service" ihren Kunden zum gekauften Gerät gleich kostenlos eine Disk mit geklauten Sounds. Letztendlich geht das auf Kosten der Qualität, da Programmierer, die ihre Sounds in monatelanger Arbeit erstellen, langfristig nicht viel damit verdienen können. So sollte man sich überlegen, ob man sich damit nicht ins eigene Fleisch schneidet, denn die Sounds sind nach wie vor das Aushängeschild eines Synthesizers.

KB: Wie setzt sich dein Kundenkreis zusammen?

TM: Die Leute, die bei mir kaufen, kommen aus allen beruflichen Schichten. Es sind zum großen Teil die sogenannten Amateure. Ab und zu bestellen auch mal Profis, obwohl diese doch meist selbst programmieren oder eigene Programmierer beschäftigen.

KB: Worauf legst du bei der Programmierung das Hauptaugenmerk?

TM: Ich klopfe einen Synthesizer darauf ab, welches Potential in ihm steckt, und versuche dann, das Optimale aus ihm herauszuholen. Ich gehe nie so vor, dass ich erstmal die üblichen Standard- und Natursounds programmiere, sondern ich lege Wert auf Klänge, die der Stärke des Synthesizers entsprechen. Beim D10/20 habe ich zum Beispiel festgestellt, dass er sehr gute fette und flächige "Analogsounds" erzeugen kann. Also habe ich ihn erstmal in dieser Richtung "ausgesaugt" und danach Standard- und Natursounds programmiert. Natürlich nehme ich auch Rücksicht auf allgemeine Wünsche meiner Kunden und programmiere die Standardklänge.

KB: Deine Meinung zu verschiedenen Arten der Klangerzeugung?

TM: Konsequent im Synthesizer umgesetzt, hat jedes Klangerzeugungsprinzip seine Stärken. Aber dann sollte man beispielsweise die Tatsache, dass ein Filter seinen Resonanzparameter bekommt, auch als Sebstverständlichkeit ansehen und nicht, wie es manche Hersteller tun, als herausragendes Feature. [...]

KB: Arbeitest du bei der Sounderstellung mit Editor-Software?

TM: Ich benutze zur Sounderstellung meine eigenen Programme, um die Gewissheit zu haben, dass alles meinen Vorstellungen entspricht und funktioniert. Es inspiriert mich natürlich auch, wenn ich mir mein eigenes Bedienerfeld gestalten kann. Wenn man einen Editor programmiert, lernt man auch den Synthesizer bis ins (kleinste) Detail kennen, was ein großer Vorteil bei der Sound-Programmierung ist.

Microwave-Editor für Atari STSupertool Sound-Manager/Editor für Atari STSysEx Manager/Editor für Atari ST
MOEBUS Waldorf Microwave1 Editor Supertool für Atari ST
KB: Welches Equipment verwendest du?

TM: Zur Zeit habe ich einen Waldorf Microwave, einen Roland D-110, einen Kawai K1-II und einen Kawai K3, demnächst folgt ein Yamaha SY77. Als Mixer benutze ich den Kawai MX-8DR. Vor einiger Zeit habe ich mir wieder zwei alte analoge Synthis zugelegt: einen Korg Mono/Poly und einen Yamaha CS40M. Als Computer benutze ich immer noch den ehrwürdigen C-64 und den Atari Mega-ST2 mit 32-MB-Festplatte. Als Sequenzer benutze ich momentan Cubase in der Version 1.5. Ich halte Cubase für ein tolles, leider aber noch recht absturzfreudiges Programm.

KB: Dein Lieblingssynthesizer?

TM: Meine Lieblingsgeräte sind meine alten analogen Synthis, von denen ich mir noch mehr zulegen will, wenn mir irgendwann mal größere Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. Bei den digitalen Geräten hat sich ein wirkliches Gefühl der Zuneigung noch nicht entwickelt.

KB: Wo liegen deinen Wünschen nach die zukünftigen Trends bei Synthesizern?

Gambit by Axel Hartmann, 1990TM: lch vermisse an den digitalen Synthesizern den spontanen Zugriff auf den Klang, den die analogen Vertreter mit ihren Dutzenden von Knöpfen noch bieten. Ich denke, und das zeichnet sich ja auch schon ab, dass in Zukunft der Schwerpunkt weniger bei der Klangerzeugung als bei der Bedieneroberfläche zu sehen ist. Ich war sehr beeindruckt vom GAMBIT (in KEYBOARDS 3/1990), dessen Touch-Screen und Spielhilfen hoffentlich wegweisend sein werden. (Auf dem Foto besagter GAMBIT von Designer Axel Hartmann, damals seiner Zeit noch weit voraus.)

 

Theo MöbusAus KEYBOARDS 4/1990. Das bearbeitete Interview mit den Soundbeispielen können Sie von der KEYBOARDS-Website kostenlos herunterladen.

Nochmals herzlichen Dank an Peter Gorges und den Verlagslektor.

Letzte Aktualisierung dieser Seite im Juli 2014.

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